Aphasiker-Zentrum Oberfranken e.V.
Hilfe für Menschen mit Sprachstörung und deren AngehörigeAphasiker-Zentrum Oberfranken e.V.
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Projekt Tutorensystem für Aphasiker

Das „Tutorensystem für Aphasiker“ ist ein auf zunächst drei Jahre konzipiertes Modellprojekt, das bislang unter der Federführung des Aphasiker-Zentrums Oberfranken in Bayreuth und im Aphasiker-Zentrum Südwestsachsen mit Sitz in Stollberg durchgeführt wird. Das Tutorenmodell ist aber nicht nur ein Projekt. Vielmehr steht es für eine Haltung aphasischen Menschen gegenüber. Es ist eine gute Möglichkeit, Aphasiker zu aktivieren, ihnen Verantwortung zu übertragen und dadurch ihre Rehabilitation zu fördern.

Der Begriff „Tutor“ ist lateinischen Ursprungs und bedeutet übersetzt „Lehrer/Ratgeber“. Die Idee also, die hinter dem „Tutorensystem“ steckt, lautet: jedem interessierten Neubetroffenen einen Aphasiker zu vermitteln, der schon länger mit der Behinderung lebt und sein Wissen und seine persönlichen Erfahrungen im „Aphasiedschungel“ gerne weitergeben möchte. Er wird Ansprechpartner und Ratgeber, vielleicht sogar ein guter Freund. Die Unterstützung durch den Tutor reicht von der Klärung behinderungsspezifischer Fragen über Tipps zur Alltagsbewältigung bis hin zur Planung und Durchführung gemeinsamer Aktivitäten. Seine Aufgaben übernimmt der Tutor ehrenamtlich, erhält jedoch je nach Aufwand eine finanzielle Entschädigung die Aphasiker-Zentren.

Wie finden die Paare nun zusammen? Die Koordinierungskräfte in den Aphasiker-Zentren gleichen den Unterstützungsbedarf einerseits mit den Interessen, Fähigkeiten und Stärken sowie der Praktikabilität (Mobilität, räumliche Entfernung, passendes Alter etc.) andererseits ab. Bei möglichen Tutoren ist außerdem der Grad der Behinderungsbewältigung zu beachten. Auch sprachlich schwerst Betroffene können Tutoren sein, wenn sie ihre Behinderung akzeptiert haben. Eine passgenaue Vermittlung der „Tandems“ ist somit von zentraler Bedeutung, denn nur wenn die so genannte „Chemie“ stimmt, können beide an dem, was sie gemeinsam unternehmen, Freude haben. Nur so können sich positive Einflüsse auf die zerebrale Neuorganisation der Betroffenen und auf deren gesamten Rehaprozess entwickeln. Keine einfache Aufgabe also für die Mitarbeiterinnen der Zentren. Es kann Wochen oder sogar Monate dauern, bis sich ein stabiles Paar gefunden hat.

Wie sieht das Tutorensystem in der Praxis konkret aus? So treffen sich beispielsweise zwei Aphasiker zum Radfahren. Der eine fährt mit einem normalen Rad, der andere mit einem, das drei Räder hat und nicht umkippen kann. Zwei Aphasiker, die beide kaum sprechen können, aber begeisterte LKW-Freaks sind, fahren alleine – ohne Angehörige – zu einem Truckertreffen. So konnten sich auch die Ehefrauen einen schönen Tag machen. Zwei Aphasikerinnen treffen sich zum gemeinsamen Kochen und zeigen sich gegenseitig Tipps und Tricks für die einhändige Zubereitung eines Rosenkohlauflaufs. Eine ganze Gruppe findet sich zusammen, unternimmt eine Kräuterwanderung und bereitet hinterher ein leckeres Bärlauch-Pesto zu.

Die Aphasiker-Zentren Oberfranken und Südwestsachsen ergänzen mit dem Projekt die klassische Selbsthilfe, die i.d.R. in größeren Gruppen organisiert ist. Zwei Aphasiker gestalten ihr sprachlich eingeschränktes Leben gemeinsam und werden dadurch deutlich aktiver. Durch die frühe, sehr intensive und persönliche Unterstützung kann psychosozialen Schwierigkeiten entgegengewirkt, Angehörige können entlastet, der gesamte Rehaprozess alltagsnah unterstützt werden. Der Tutor bekommt wieder eine Funktion in der Gesellschaft, die helfenden Sinn und unmittelbaren Nutzen verleiht. Er übernimmt Verantwortung, die ihm durch die plötzliche Erkrankung meist entzogen wurde. Bei jüngeren Betroffenen kann das System darüber hinaus als Vorstufe oder Erprobungsphase für Maßnahmen der beruflichen Integration dienen.

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